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Verehrter Präsident
(Deutsch von Leobald Loewe, 2003, frei nach "Le Deserteur" von Boris Vian, 1954 im Algerien-Krieg)

1.
Verehrter Präsident
seid Ihr vielleicht in Eile
doch leset diese Zeile
mit der mein Brief beginnt

Mir werden da gebracht
die Militärpapiere
dass in den Krieg marschiere
ich noch vor Mittwoch Nacht

Herr Präsident, ich bin
gewiss nicht Mensch geworden
um Menschen zu ermorden
das macht doch keinen Sinn

Ich will nicht provozier'n
wenn ich gabz offen sage:
Der Krieg kommt nicht in Frage
ich werde desertier'n!

2.
· All' meine Brüder sind
gerannt in ihr Verderben
ich sah den Vater sterben
es weinte auch mein Kind

Die Mutter trug so schwer
sie ist mit ihren Sorgen
im Krieg verrückt geworden
sie leidet nun nicht mehr

Als ich gefangen war
sind sie ins Haus gekommen
und haben mir genommen
die meine Liebe war

· Wenn früh die Hähne krähn
will ich mein Bündel schnüren
ein neues Leben führen
und auf die Straße geh'n

3.
· Dann zieh' ich ohne Ruh'
vom Norden in den Osten
vom Süden in den Westen
und schrei den Leuten zu:

" Verweigert den Befehl
  kämpft nicht in ihren Kriegen
  glaubt niemals ihren Lügen
  der Frieden wär' ihr Ziel! "

Ihr schwört im Parlament
man müsse Blut vergießen
so lasset Eures fließen
verehrter Präsident

· Jagt Eure Polizei
mir nach, so lasst sie grüßen
sie könne auf mich schießen
weil ich gefährlich sei! *

Le deserteur (Boris Vian, 1954)

Monsieur le président * Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être * Si vous avez le temps.
Je viens de recevoir * Mes papiers militaires
Pour partir à la guerre * Avant mercredi soir.
Monsieur le président * Je ne veux pas la faire
Je ne suis pas sur terre * Pour tuer des pauvres gens.
C'est pas pour vous fâcher, * Il faut que je vous dise,
Ma décision est prise, * Je m'en vais déserter.

Depuis que je suis né, * J'ai vu mourir mon père,
J'ai vu partir mes frères * Et pleurer mes enfants.
Ma mère a tant souffert * Qu'elle est dedans sa tombe
Et se moque des bombes * Et se moque des vers.
Quand j'étais prisonnier, * On m'a volé ma femme,
On m'a volé mon âme, * Et tout mon cher passé.
Demain de bon matin * Je fermerai ma porte
Au nez des années mortes, * J'irai sur les chemins.

Je mendierai ma vie * Sur les routes de France,
De Bretagne en Provence * Et je crierai aux gens:
«Refusez d'obéir, * Refusez de la faire,
N'allez pas à la guerre, * Refusez de partir.»
S'il faut donner son sang, * Allez donner le vôtre,
Vous êtes bon apôtre * Monsieur le président.
Si vous me poursuivez, * Prévenez vos gendarmes
Que je n'aurai pas d'armes * Et qu'ils pourront tirer. *

[ *) In der ersten Version hieß es noch "Que je tiendrais un arme,
  et que je sais tirer" ("dass ich eine Waffe hätte und zu schießen
  weiß") was von Boris Vian auf Anraten seines Freundes und Sängers
  Marcel Moloudji in "Que je n'aurai pas d'armes, et qu'ils pourront
  tirer" (dass ich keine Waffe habe, und dass sie schießen können) 
  geändert wurde um eventuelle Missverständnisse zu vermeiden, falls
  jemand unbedingt den scharfen Sarkasmus falsch interpretieren wollte.
  Ich habe deshalb die Variante "sie könne auf mich schießen weil ich
  gefählich sei" gewählt, die den ursprünglichen Sarkasmus anklingen
  lässt aber weder hyper-pazifistisch noch missverständlich erscheint. ] 

Die bekannte deutsche Übersetzung "Ihr sogenannten Herrn" von Gerd Semmer
basiert offenbar auf der folgenden, in Frankreich weniger bekannten Version,
die sich von der ersten erheblich unterscheidet. Darin sind Änderungen enthalten,
mit denen Boris Vian und der Sänger Marcel Mouloudji vergeblich versucht hatten,
die französiche Radio-Zensur zu umgehen. Deswegen fehlt die direkte Ansprache
des Präsidenten und auch die explizite Aufforderung zum Desertieren, im
Unterschied zur Originalversion und auch zur Übersetzung Semmers.

Le deserteur (Boris Vian / Marcel Mouloudji 1954, Musik: Harold Berg)

Messieurs qu'on nomme grand, * Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être * Si vous avez le temps.
Je viens de recevoir * Mes papiers militaires
Pour aller à la guerre * Avant Mercredi soir.
Messieurs qu'on nomme grand, * Je ne veux pas la faire.
Je ne suis pas sur terre * Pour tuer les pauvres gens.
Il n'faut pas vous fâcher * Mais Il faut que je vous dise
Les guerres sont des bêtises. * Le monde en a assez.

Depuis que je suis né * J'ai vu mourir des frères.
J'ai vu partir des pères * Et les enfants pleurer.
Les mères ont trop souffert * Quand d'autres se gobergent
Et vivant à leur aise * Malgré la boue de sang.
Il y'a les prisoniers, * On a volé leurs âmes,
On a volé leurs femmes * Et tout le cher passé.
Demain de bon matin * Je fermerai la porte
Au nez des années mortes. * J'irai par les chemins.

Je mendierai ma vie * Sur la terre et sur l'onde
Du vieux au nouveau monde * Et je dirai aux gens:
Profitez de la vie. * Eloignez la misère.
Les hommes sont tous des frères. * Gens de tous les pays:
S'il faut verser le sang, * Allez verser le vôtre,
Messieurs les bons apôtres, * Messieurs qu'on nomme grand.
Si vous me poursuivez * Prévenez vos gendarmes
Que je serai sans armes * Et qu'ils pourront tirer.

Ihr sogenannten Herrn  (Boris Vian / Marcel Mouloudji / Gerd Semmer) 	

Ihr sogenannten Herrn, ich schreibe euch ein Schreiben,
lest oder lasst es bleiben und habt mich alle gern.
Ich kriege da, gebt acht, die Militärpapiere,
dass ich in'n Krieg marschiere, und zwar vor Mittwoch nacht.
Ich sag' euch ohne Trug: Ich finde euch so öde,
der Krieg ist völlig blöde, die Welt hat jetzt genug.
Ihr sogenannten Herrn, ich sage euch ganz offen,
die Wahl ist schon getroffen: Ich werde desertier'n.

Seit ich auf Erden bin, sah ich viel Väter sterben,
sah Brüder viel verderben, sah weinen manch ein Kind;
sah Mütter voller Gram, sie konnten nicht vergessen,
sah andre vollgefressen, wohlauf trotz Blut und Schlamm.
Sah der Gefang'nen Leid, ums Leben nur belogen,
um ihre Frau'n betrogen, um ihre gute Zeit.
Früh, wenn die Hähne krähn, dann schließ' ich meine Türen,
will tote Jahre spüren und auf die Straße gehn.

Dann geht es drauf und dran auf Welle, Wind und Wegen
der neuen Welt entgegen, ich rufe jedermann:
Lebt euer Leben aus, ringt Furcht und Elend nieder,
schießt nicht auf eure Brüder in dieser Erde Haus.
Ihr sogenannten Herrn, müsst ihr denn Blut vergießen,
so lasst das eure fließen, ihr predigt das so gern.
Sagt eurer Polizei, sie würde mich schon schaffen,
denn ich bin ohne Waffen, zu schießen steht ihr frei.